Focus aus dem Tagblatt
vom 27. Juli 2009

Feinstofflicher Zauber


Hannes  vo Wald mit einer toten Katze aus seiner Sammlung.
Bild: Hanspeter Schiess

Hannes vo Wald hat ein Lager voller Skurrilitäten und einen Hang zur Pyromanie. Dahinter versteckt sich ein Schamane von Appenzeller Geist und Blut.
Brigitte Schmid-Gugler

Wegweiser Richtung Baschloch, Sandegg, Habsat, und dann noch die  Haltestelle Morgenlicht: Schon auf dem Weg zu ihm nach Hause, nach Wald, im Ausserrhodischen, beschleicht einen das Gefühl, in eine magische Welt einzutauchen. In der Nacht fiel Regen, und dicht über den gemähten Wiesen liegen Wolkenfetzen, oder sind es am Ende Schrättli, Waldschrättli, wie sie doch bestimmt zwischen diesen Hügeln herumwuseln, und denen es wohl ist um Menschen herum, die mit ihnen zu leben wissen. Bei ihm, dem Zauberer und Pyrotechniker Hannes Irniger, fühlen sie sich mit Sicherheit besonders wohl. Im Gebälk sitzend und Beinchen baumelnd hinunter äugend auf das unglaubliche Sammelsurium.

Der Festbefröhlicher

Im Stall läuft das Radio, DRS 2, ein Konzert. Hannes vo Wald – so sein Eintrag im Telefonbuch – sagt, er lasse es einfach laufen, immer, es solle die Marder das Fürchten lernen. Ja, er hat «Marder» gesagt. Die raumteilenden Gestelle in dem geräumigen Stall sind bis unters Dach voll.

Gesteine, Hölzer, Fossilien, Knochen, Schädel, Geweihe; Schränke voller Gerätschaften, medizinische und handwerkliche; Näh-, Schreib- und andere Maschinen, Kisten voller Stoffe, Kleider, Hüte; Bestecke, Schlösser, Herbarien, eine tote Katze, ein im Alkohol schwimmender Mutterkuchen, ein alter Optikerstuhl, ein Schröpfapparat und ein verschlossenes Schränkchen mit uralten Arzneien und Tinkturen. Vom Grossvater. Wer weiss, wofür die noch gut sein können!

Hannes Irniger steht wie ein grosses staunendes (Quatember-)Kind mit glänzigen Äuglein vor seinen Gestellen im Anbau des geschmackvoll umgebauten Appenzellerhauses und sagt, entsorgen gehe auf gar keinen Fall. Er verbringe viel Zeit mit «Sachen sichten» und freue sich daran. Ordnen sei eine seiner Lieblingsbeschäftigungen. Ordnen und «primär sortieren» und dabei auf Ideen kommen für seine künstlerischen Objekte, oder für seine Performances als Zauberer, Pyrotechniker und Conférencier, «Festbefröhlicher», wie er sich selber gerne nennt.

Schatzsucher des Geistes

Doch hinter diesem Hannes Irniger, der schon als Kind ein «ewiger Züsli» war, keine Freude hatte an der Schule, seine Freizeit am liebsten in einem Töbeli oder im Wald verbrachte, vom umgegrabenen Friedhof Knochen nach Hause schleppte. Von dem sein Vater sagt, er habe immer alles in sich eingesogen mit «Augen wie Staubsauger», der bei Roman Signer lernte, mit Schwarzpulver zu hantieren, und während der Rekrutenschule nie glücklicher war als in den Wochen,

als er mithelfen konnte, einen Wanderweg freizusprengen und anzulegen; der in noch unerforschte Höhlen steigt, und immer schon am liebsten Löcher grub, um darin etwas noch Unentdecktes zu entdecken, der Primarlehrer wurde und diesen Beruf wegen seiner Zauberei und Chlöpferei schliesslich an den Nagel hängte, der verheiratet und Vater von zwei schulpflichtigen Kindern ist, der in den Disziplinen «Gefahrengut-Transporte» und «Zivilsprengungen» ausgebildet ist, der mittlerweile

so bekannt ist, dass seine Auftritte von seiner Frau Barbara, der ausgebildeten Kleinkinderzieherin und Künstlerin koordiniert und gemanagt werden müssen – hinter diesem Hannes steckt, so scheint es, noch ein ganz anderer, ein stiller, nachdenklicher und forschender Mensch, einer, von dem man gar denken könnte, seine Zaubererverkleidung diene zur Tarnung des Schamanen in ihm.

Ärzte und Heiler

Je länger man ihm zuhört und er einen mit diesem in sich ruhenden Augenpaar anschaut, desto deutlicher zeichnet sich eine Kraft ab, eine Aura, die von tief innen kommt und ihn auch von aussen umgibt. Damit ist nichts Mystisches, Irrationales gemeint, sondern der Zauber eines Urvertrauens, einer Weisheit, eines über Generationen kultivierten Erbes der Philanthropie und Neugierde am (organischen, kosmischen, immateriellen, sozialen, kulturellen, geistigen) Leben.

Da ist seine Familie, väterlicher- und mütterlicherseits eine Ärztedynastie, darunter der Vater der Mutter, in Russland aufgewachsen als eines von zehn Kindern eines Schweizer Emigrantenpaares. In den Fünfzigerjahren drohte ihm der Ausschluss aus der Ärztekammer, weil er sich auf Homöopathie und Akupunktur spezialisiert hatte. Vater Walter Irniger übernahm die Arztpraxis des Grossvaters in Urnäsch. Dort wuchs Hannes als ältestes von vier Kindern auf.

Nicht selten sei sie oder ihr Mann zu einer Unterredung in die Schule gebeten worden, weil Hannes wieder einmal etwas «boosget» hatte, sprich, das Züsle nicht hatte lassen können, erzählt dessen Mutter Regula Irniger, Tänzerin und Naturheilpraktikerin. Aber böse sein konnte man dem Buben nicht. Der Vater habe, wenn etwas schief gelaufen sei, seine Kinder in die Arme genommen und mit ihnen geweint, anstatt sie zu ohrfeigen.

Dies tat vor allem aber auch Regula Irniger, welche neben ihrem nicht nur beruflich sehr engagierten Ehemann – unter anderem baute er das Appenzeller Brauchtumsmuseum in Urnäsch auf, bildete sich in Tiefenpsychologie weiter und setzte sich an der Universität Zürich für einen Lehrstuhl für Allgemeine Medizin ein – für die Familie da war und Hannes in Schach hielt.

Kein Hokuspokus

Was unterscheidet ihn von den anderen drei Kindern, fragt man vorsichtig bei den Eltern nach, sich daran erinnernd, dass der eine Sohn, Hannes' jüngerer Bruder, ein «Schneetänzer», nennt ihn jener, vor sieben Jahren in einer Lawine sein Leben verlor. «Er erzählte Geschichten so, wie sie sich anscheinend haargenau zugetragen hatten, dann stellte sich heraus, dass alles erfunden war. Die Lehrer sagten dann, er habe wieder einmal gelogen», erinnert sich seine Mutter.

«Er führte mich immer an meiner rechten Hand, er konnte Tierstimmen und die Eigenheiten von Menschen präzis nachmachen, und er war versessen auf Geschichten», sein Vater. Die Zauberei, diejenige mit Tricks natürlich, ja, auch die habe sein Sohn von ihm beziehungsweise von seinem Grossvater übernommen.

Hannes erinnert sich, wie er als junger Erwachsener mit Vater und Bruder einmal in der Woche zu «Herrn Küenzler» gehen durfte, dem Zauberer mit einem kleinen Laden hinter dem Bahnhof St.

Gallen, «wo es wegen der Kaninchen immer ziemlich streng roch». Mit beiden Grossvätern – beide seien immer auf der Suche nach geistigen Quellen gewesen – habe er oft über Leben, Tod und Spiritualität gesprochen, heute tue er dies mit seinem Vater; die beiden Männer pflegen eine intensive Beziehung. In vielen Dingen – «eher in einem atheistischen als in einem gläubigen Sinn» – gebe es ein stilles Einverständnis, sagt Hannes Irniger.

Selbstverständlich wäre es heutzutage ein Leichtes, die Ebene des Mentalen zu Markte zu tragen, relativiert er umgehend die Frage nach der Nutzbarmachung der vielgepriesenen esoterischen Ebene, viele Menschen seien sehr empfänglich dafür, und die Gefahr, missverstanden zu werden, enorm. Auch gebe es hie und da «Anfragen», doch der «heilende» Aspekt, so davon überhaupt die Rede sein dürfe, sei ganz mit der Achtung und dem Respekt vor dem einzelnen Menschen verbunden, da sei kein Platz für Hokuspokus.

 

  Portrait aus dem Tagblatt
vom 25. Juli 2007

Spiel mit dem Feuer

Hannes Irniger alias Hannes vo Wald

Ich habe ihn mir viel grösser vorgestellt… Weshalb? Üblicherweise kam mir Hannes vo Wald bei seinen Auftritten auf Stelzen und etwas Mächtigem auf dem Kopf entgegen. Meist war es ein spitzer, himmelwärts strebender Zauberhut oder ein Walking Helmet mit allerlei brenzligen Feuerwerkskörpern dran. Der 42-jährige Künstler Hannes Irniger alias Hannes vo Wald will dadurch aber nicht Distanz zum Publikum schaffen oder seine Wirkung optisch verstärken, im Gegenteil. «Mit den Stelzen und einem kleinen Podest bringe ich die Kinder auf Augenhöhe. Weit weg von den Zurufen der Mütter und Grossmütter», erklärt Irniger beim Abschied. «Und was gibt es Schöneres als in begeisterte Kinderaugen zu blicken», sagt er noch.


Magische Feuerwerks-Momente: Hannes Irniger mit einem seiner Walking Helmets auf dem Kopf
Bild: Michel Canonica

Mehr als lustige Knalleffekte

Der Besuch im Bauernhaus der Irnigers im Oberdorf von Wald hat viele Sinneseindrücke hinterlassen. Der Schopf ist bis unters Dach mit Requisiten gefüllt, in der Werkstatt sieht es aus wie bei einem Schrotthändler und rund um das Haus warten «Pseudo-Erfindungen» auf ihren Einsatz. Ausziehen kann die Familie hier wohl nie mehr, der Aufwand wäre zu gross. Gäste sind willkommen, wie gerade jetzt ein junger Feriengast aus dem Ruhrpott. Nur einer nicht: Im Schopf läuft seit Jahren das Radioprogramm von DRS 3, nonstop, um einen lästigen Fuchs zu vertreiben. Hier lebt ein zweifacher Familienvater, der sich mit Haus und Hof seinem Beruf verschrieben hat.

Aber welchem: Irniger ist sicher keine simple Stimmungskanone, die statt mit Keyboard und Lichtshow mit lustigen Knalleffekten für Unterhaltung sorgt; auch wenn er rund 100 Tage im Jahr mit seinem Kleinbus von Auftritt zu Auftritt tingelt, an Hochzeiten und Supermarkt-Eröffnungen genauso anzutreffen ist wie an politischen Veranstaltungen und alternativen Kulturevents. Auch ein Zauberer im klassischen Sinn ist er trotz seiner Animations-Künste im Magierkostüm nicht. In Hannes vo Wald steckt auch ein Entertainer, Reiseleiter oder falscher Besucher. «Ich würde mich als Festbeseeler bezeichnen, der versucht, in jeden Anlass etwas Farbe zu bringen und der, mit schrägen Einfällen, eine lustige, fröhliche Stimmung erwecken will.»

Lach-Dialoge mit Publikum

Irniger wünscht sich vom Publikum aber keinen verkrampften Applaus, sondern einen sprudelnden Wasserfall an Lach-Dialogen. «Ich will die Leute zum Lachen bringen, zum Loslassen animieren», sagt er. Wenn er auf Stelzen oder als französischer Kellner das Essen serviert, hat das wenig mit billigen Slapstick-Einlagen zu tun. «Indem ich mich als Kellner unter die Gäste mische, bekomme ich die Stimmung im Publikum viel direkter mit als auf der Bühne. Ich kann viel näher an die Leute heran. Und ich versuche herauszuspüren, welche Erwartungen an meine Darbietung da sind», sagt Irniger. Beim Hauptgang dann der Bruch: Irniger verwandelt sich vom charmant-frechen Franzosen in einen träfen Appenzeller. «Die Diskrepanz der beiden Personen fasziniert mich. Als Appenzeller bekomme ich schnell einen Stempel auf die Stirn gedrückt, als Franzose kann ich mir viel mehr herausnehmen.»

Spiel mit Realitätsverschiebung

Es ist das Spiel mit der Realitätsverschiebung, das Irniger reizt. Beim Auftritt bei einer Service-Schule habe er sich unter weissen Kellnern wiedergefunden, die ohne jegliche Emotionen ihre Arbeit verrichtet haben. Als er sich dann unter das Personal gemischt habe, hätten die Ausbildungschefs viel Mühe mit seiner komischen Art des Kellnerns bekundet. «Hannes vo Wald ist keine ernsthafte Figur. Ich will nichts Produktives erreichen, nur mit positiven Schwingungen spielen.» Sprüche unter die Gürtellinie sind nicht sein Ding. Nicht etwa weil ihm der Mut dazu fehlen würde, aber Hannes vo Wald ist keine destruktive Figur, auch dann nicht, wenn Irniger in ihm seine Leidenschaft für die Pyrotechnik auslebt.

Faszination fürs Feuer

«Ich war schon als kleiner Bub fasziniert vom Feuer, ganz zum Leidwesen meiner Eltern. Bei Roman Signer habe mich meine ersten paar Kilo Schwarzpulver gekauft», sagt er. In der Faszination für das Feuerwerk sind Signer und Irniger Seelenverwandte. Wenn sie sich über den Weg laufen, gibt es nur ein Thema. Irniger weiss um die Gefahren seiner Feuerspiele. Bei Sprengkursen in der Rekrutenschule und an der Europäischen Sprengschule Dresden bekam er Antworten auf viele seiner brennenden Fragen; aber längst nicht auf alle. So kommt es nicht selten vor, dass er sich wochenlang in seine Werkstatt zurückzieht, um neue Feuerwerks-Ideen auszutüfteln. So wie vor zwei Jahren für die Feierlichkeiten «600 Jahre Schlacht am Stoss». «Ich habe mir ein spezielles Feuerwerk ausgedacht, sinnlich sollte es sein.» Beim Publikum ist die Show nicht so angekommen, wie er sich das vorgestellt hat. Doch davon lässt sich die Frohnatur nicht unterkriegen. Noch zu viele magische Experimente schwirren in seinem Kopf umher.

Lehrer, Gartenarchitekt, Mönch

Doch die müssen vorerst warten. Beim Sturz vom Kaninchenstall brach sich Hannes Irniger den Rücken und muss für mehrere Monate ein Korsett tragen. Vielleicht hätte er doch besser Gartenarchitekt oder Mönch werden sollen, wie er es ursprünglich wollte. Oder der Lehrer bleiben, der sich in die Ausserrhoder Gemeinde Wald verliebte und als Dorflehrer heute undenkbare pädagogische Freiheiten genoss. «Urnäsch ist zwar meine Heimat, aber hier in Wald gibt es viel mehr Himmel, die Leute sind offener, toleranter», sagt der Sohn des Dorfarztes von Urnäsch, der vor 15 Jahren den Lehrerberuf zugunsten der Kunst aufgegeben hat.

Für das Foto lässt es sich Irniger nicht nehmen, einen seiner Walking Helmets aus der Werkstatt zu zaubern, startklar für die nächste pyrotechnische Vorführung. Wie er dann so dasteht, mit kiloweise Feuerwerk auf dem Kopf und der brennenden Wunderkerze in der Hand, nur wenige Zentimeter von den Schindeln seines Bauernhauses entfernt, flackert bereits wieder das Feuer fürs Feuer in seinen Augen.

Nathalie Grand